Siegfried Kracauers Analyse des Films Das Cabinett der Dr. Caligari

Das Cabinett der Dr. Caligari wurde, auch unter Berücksichtigung finanzieller Aspekte, im Studio produziert und es wurden statt Bauten gemalte Kulissen verwendet. Auch auf Grund dieser gemalten Kulissen gilt Caligari als expressionistischer Film. Details und Formen wurden vereinfacht, verzerrt und abstrahiert. Es dominieren schräge Linien sowie gezackte und bedrohlich wirkende Formen und Schatten waren aufgemalt. Auch die Zwischentitel sind in diesem Stil gehalten. Es wird eine Grauen erzeugende, irreale Sphäre geschaffen, die seelische Ereignisse nach außen projiziert. Caligari gilt als einziger Film indem sowohl Dekor, Handlung als auch Schauspiel expressionistisch waren.
Lotte Eisner sieht in dem Film einen Ausdruck des Hangs der Deutschen nach Mystizismus, Magie und dunklen Kräften.
Laut Siegfried Kracauer lässt sich die tiefenpsychologische Verfassung die von 1918 bis 1933 in Deutschland herrschte durch die Analyse deutscher Filme aufdecken. Gründe dafür sind seiner Meinung nach, dass Filme  nie das Produkt eines Individuums sind und sie sich  an eine anonyme Menge richten. Außerdem reichten ökonomische, soziale und politische Faktoren nicht aus, um Hitler zu erklären.
Für Kracauer sind die deutschen Filme vor 1918 Vorgeschichte ohne Bedeutung. Er baut seine gesamte These auf Das Cabinett der Dr. Caligari auf, der für ihn der Archetyp des deutschen Films ist, in dem man den Rückzug der Deutschen ins Reich der Seele sieht und ihren Wunsch danach sich Tyrannen unterzuordnen. Laut Kracauer ist er durchzogen von Tyrannei und Chaos.
Kracauers These stützt sich weder auch Statistiken, noch konnte die zeitgenössische Kritik etwas antirevolutionäres im Film entdecken. Ferner baut Kracauers These nicht in erster Linie auf dem Film an sich oder dem Originaldrehbuch (welches er nicht kannte) auf. Seine wichtigste Quelle, auf der seine Interpretation basiert, ist die Schrift „Caligari: The Story of a famous story“ die Drehbuchautor Janowitz erst 1939  im Exil schrieb und in der er behauptet, Caligari sei ohne die Rahmenhandlung, die Regisseur Robert Wiene hinzufügte, ein revolutionärer Film gewesen. Diese Meinung übernimmt Kracauer.
Jedoch enthielt auch das Originaldrehbuch ebenfalls eine Rahmenhandlung und Janowitz selbst schreibt, diese habe den expressionistischen Film zwar besser konsumierbar gemacht, jedoch die Kraft der Geschichte nicht beeinflusst.
Ferner ignoriert Kracauer die Herkunft von Tyrannentypen aus der Literatur und beschränkt sich darauf, teils unpopuläre Filme für seine Analyse zu verwenden oder bzw. Bildformen die in seine vorgefasste Lesart einer deterministischen Geschichtsdeutung passen.

Literatur:

Bär, Gerald: Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie in der Literatur und im deutschen Stummfilm. Amsterdam / New York 2005.

Bongartz, Barbara: von Caligari zu Hitler – von Hitler zu Dr. Mabuse? eine >>psychologische<< Geschichte des deutschen Films von 1946 bis 1960. Münster 1992.

Eisner, Lotte H.: Die dämonische Leinwand. Frankfurt 1979.

Grafe, Frida: Licht aus Berlin. Lang. Lubitsch. Murnau. Berlin 2003.

Harzheim, Harald: Das Cabinett des Dr. Caligari, In: Ursula Vossen (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Reclams Universalbibliothek Nr. 184056. Stuttgart 2004.

Jung, Uli / Schatzberg, Walter: Robert Wiene. Der Caligari Regisseur. Berlin 1995.

Koebner, Thomas (Hrsg): Diesseits der >Dämonischen Leinwand<. Neue Perspektiven auf das späte Weimarer Kino. München 2003.

Koebner, Thomas: Von Caligari führt kein Weg zu Hitler. Zweifel an Siegfried Kracauers ›Master‹ -Analyse, In: Koebner, Thomas: Wie in einem Spiegel. Schriften zum Film. Dritte Folge. Sankt Augustin 2003.

Kracauer, Siegfried: Von Caligari zu Hitler. Eine tiefenpsychologische Geschichte des deutschen Films. Frankfurt am Main 1979.

Kracauer, Siegfried: Von Caligari bis Hitler. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Films. Hamburg 1958.

Kurtz Rudolf: Expressionismus und Film. Berlin 1926. ND: Kiening, Christina / Beil, Ulrich Johannes (hrsg.). Zürich 2007.

Quaresima, Leonardo: Introduction to the 2004 Edition: Reading Kracauer, In: Kracauer, Siegfried: From Caligari to Hitler. A psychological History of the German Film. Princeton / Oxford 2004.

Loew Dirk Christian: Du musst Caligari werden! Siegfried Kracauer und „Das Cabinett des Dr. Caligari“ – Eine Rezeptionsgeschichte. http://www.filmtexte.de/pageID_1971112.html , (Abruf: 15.10.2008).

filmportal.de : http://www.filmportal.de/df/bb/Artikel,,,,,,,,ED142C4B0F975326E03053D50B37537E,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html , (Abruf: 15.10.2008).

Bei diesem Text handelt es sich übrigens um eine Exposé zur Magister Zwischenprüfung im Fach Medienwissenschaft an der Uni Trier.

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