Crazy Cinematographie – Zwischen Faszination und Ekel

Im Allgemeinen sind die Chancen die Zusage einer Kommilitonin auf eine Einladung ins Pornokino zu bekommen eher schlecht. Doch auf die Einladung ins erotische Programm des Wanderkino Crazy Cinématographe bekam ich tatsächlich eine Zusage aus der Damenwelt. Wohl auch, da meine Kommilitonin den Besuch im Zeltkino als kulturelles Highlight des Altstadtfests ansah und hocherfreut darüber war der lauten Musik, den Fressbuden und Biertempeln für eine halbe Stunde zu entfliehen. Zumal begannt ihr bekannt war, dass es sich bei Darbietung um ein einmaliges Erlebnis handeln dürfte, da man diese Form der Unterhaltung nicht alle Tage geboten bekommt.

Als wir nun vor dem Zelt des Wanderkinos eingefunden hatten, hatte sich dort bereits eine lange Schlange gebildet und lauschte der Jahrmarktsmusik. Als dann die beiden Schausteller (bzw. Schauspieler) des CrazyCinématographe die Bühne vor dem Zelt betraten fühlten wir uns wirklich wie auf einen Rummelplatz von vor hundert Jahren versetzt, da ihre Anpreisungen einen ganz anderen Charme hatten als das was man von heutigen Kirmes Besuchen gewohnt ist. Während wir warteten kam ich mit meiner Begleitung ins Gespräch und sie mutmaßte, was sie erwarten würde. In ihrer Vorstellung war das frühe 20ste Jahrhundert eine recht prüde Angelegenheit und sie vermutete eine entblößte Schulter oder vielleicht ein Oberteil aus halbdurchsichtiger Seide als den Gipfel der Erotik um 1900. Sie sollte sich irren.

Im vollbesetzten Zelt dann wirklich Kinoatmosphäre, wie man sie heute nicht mehr kennt. Holzbänke, ein Klavier, ein Projektor der nicht in einem anderen Raum steht und natürlich die Schauspieler. Diese machten mit ihrer Performance, den Kinobesuch zu einem einzigartigen Medienerlebnis. Durch ihre amüsante Kommentierung des Gezeigten, lockerte sich die Atmosphäre im Zelt spürbar auf und auch als sie beim Programmpunkt „Pornographische Szene 2’10 (sehr pikant)“ mit vollem Körpereinsatz versuchten, die Akustik und Geräuschkulisse des kopulierenden Pärchens auf der Leinwand nachzuvertonen, waren noch alle Besucher recht heiter. Diese gelockerte Atmosphäre änderte sich aber schlagartig mit dem Beginn von „Der Musketier im Restaurant 7’50 (hochpikant)“. Denn hier wurde nicht nur meine Begleiterin, sondern wohl auch ein Groß der restlichen Besucher von der Tatsache überrascht, dass keine neue Darstellungsform ist, Geschlechtsorgane (und was man damit alles so tun kann) in Großaufnahme zu zeigen. Auch wenn vermutlich jeder der Anwesenden ähnlich pornografisches Material – was ja auf Grund von Medienwandel und Internet heute jedem zu Verfügung steht – schon mal gesehen haben dürfte, war dieses auch für meine Kommilitonin eine neue Seherfahrung. Zumal für sie, ebenso wie mich und alle anderen Zuschauer wohl eine neue Erfahrung war, sich solche Aufnahmen in Gesellschaft wild fremder anzusehen.

Auch wenn das Programm mit einer harmloseren Szene beendet wurde, war „Der Musketier im Restaurant“ beherrschendes Thema der Diskussion mit meiner Kommilitonin im Anschluss an die Vorführung. Von der neuen Medienerfahrung war in dieser nicht die Rede, davon dass unsere Urgroßeltern wussten was harte Pornografie ist auch eher. Jedoch war meine Kommilitonin von der Ästhetik des Films nicht begeistert. Wobei sie bei ihrer Ansicht doch in einen Zwiespalt verstricke. Denn auf der einen Seite war sie wie gesagt angeekelt, aber auf der anderen Seite bemerkte sie positiv, dass zur damaligen Zeit auch Frauen die heute nicht mehr einem gängigen Schönheitsideal entsprechen würden, die Chance auf einem Auftritt in einem Erotikfilm gehabt haben. In diesem Punkt konnte ich zwar zustimmen, aber auf die Frage ob der recht derbe Humor des Films noch als solcher bezeichnet werden könne, oder ob er reine Obszönität sei konnten wir uns nicht mehr einigen.

Trotz des Pornoschocks gelang es mit meine Kommilitonin am nächsten Tag noch einmal – für eine diesmal garantiert jugendfreie – Vorstellung des Wanderkinos zu begeistern. Bei dieser blieben große Schockeffekte aus. Vielmehr wurden in weitaus lockerer Atmosphäre weitere Kurzfilme gezeigt, die diesmal unter dem Motto Verfolgungsjagden und Komödien standen. Der Beifall war zwar geringer als in der Pornovorstellung, aber dafür bekam man eine halbe Stunde unschuldiges Vergnügen geboten. Besonders faszinierend war sowohl für meine Kommilitonin, als auch für mich die Tatsache, mit welch einfachen Mitteln um 1900 mit Spezialeffekte auf die Leinwand gezaubert wurden und mit wie viel Liebe z.B. auch einige der Filmchen koloriert waren. Kleines Highlight dieser Vorführung waren aber auch die privaten Aufnahmen aus Trier, die zum Ende der Vorführung gezeigt wurden. Denn aus diesen bekamen wir einen Einblick, wie der Alltag in Trier um 1900 ausgesehen haben muss.

Nach dieser Vorstellung war meine Kommilitonin mit dem Wanderkino wieder versöhnt und auch ich muss zugeben, dass es in der Zeit von Multiplex-Kinos einmal eine neue Erfahrung war, die ich mir in meinem Alltag zwar nicht so recht vorstellen kann, die ich als Jahrmarktattraktion gerne wieder besuchen würde.

 

Veröffentlicht unter Film und Kino, Medien

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