Requiem (2006)

Die aus einer erzkatholischen Familie stammende Michaela (Sandra Hüller) macht den großen Sprung aus der Provinz nach Tübingen um dort ihr Lehramtsstudium aufzunehmen. Dieses geschieht gegen den Willen ihrer Mutter, die Angst wegen „ihrer Sache“ hat. Michaela leidet nämlich unter einer Epilepsie, gegen die es noch keine funktionierende Therapie zu geben scheint. In Tübingen selbst verläuft der Weg der jungen Frau soweit ganz gut. Sie freundet sich mit einer Kommilitonin aus ihrem Heimatdorf an und findet ihre erste Liebe. Doch erst auf einer Wallfahrt und dann später im Studentinnenwohnheim, bekommt sie wieder einen Anfall und ist nicht mehr in der Lage das Kreuz oder den Rosenkranz zu berühren. Sie sucht Hilfe beim Pfarrer ihres Dorfes, der ihre Visionen für ein weltliches Problem hält und ihr ebenso wie ihr Freund und ihre beste Freundin rät zum Arzt zu gehen. Aber durch die vielen Jahre der erfolglosen Therapieversuche hat Michaela jede Hoffnung auf Heilung durch die Schulmedizin und die Psychologie aufgeben. Als es über Weihnachten zum Streit mit der Mutter kommt, die dem Feiheitsstreben der Tochter skeptisch gegenübersteht und sie vom jungen Pfarrer Borchert (Jens Harzer) darin bestärkt wird, ihr Problem hätte etwas mit Dämonen zu tun, setzt sie ihre Medikamente ab, was ihren Zustand so stark verschlechtert, dass sie am Ende einem Exorzismus zustimmt, an dessen Folgen sie stirbt.
Requiem ist KEIN Film über einen Exorzismus. Der Film endet genau vor dem eigentlichem Exorzismus und man bekommt nur an einer Stelle kurz den Beginn der Teufelsaustreibung zu sehen. Am ehesten kann man die Szene in der Michaela Suppe ausspuckt noch als kleine Anspielung auf der Exorzist verstehen. Ansonsten hat der Film das an den Folgen des Exorzismus sterbende Mädchen zum Thema und erzählt wie es dazu kommen konnte. Dabei wird schnell klar, dass Michaela nicht vom Teufel besessen ist und vielmehr professionelle Hilfe bräuchte. Sie sucht aber statt dessen Hilfe bei der Kirche und vertraut fest auf die Heiligen, Gott und Gebet. Eigentlicher Auslöser für die Katastrophe ist aber nicht Michaelas Glaube an sich, sondern vielmehr der Konflikt mit ihrer Mutter, die nicht zulassen will, dass sich ihre Tochter in Form von Sexualität und auch Mode der modernen Welt öffnet. So bestätigt sie indirekt Michaelas Dämonenglaube. Anders der Vater, der versucht seine Tochter zu unterstützen, aber am religiösen Wahn, den Borchert immer weiter anstachelt scheitert. Requiem ist also eher ein Familiendrama über das Erwachsenwerden einer jungen Frau, die mit sich selbst in Konflikt steht. Dieser Konflikt äußert sich im Gegensatz Provinz gegenüber Universitätsstadt, Familie gegenüber Liebhaber und Freundin und schließlich Religion und Glaube gegenüber einem aufgeschlossenerem Weltbild. Wobei Michaelas Glaube selber nie schlecht gemacht wird. Sie versucht noch Kraft daraus zu schöpfen, aber am Ende nicht in ihrem Gottvertrauen gebremst, welches schließlich zu ihrem Tod führt.
Die Schauspieler in Requiem überzeugen größtenteils, auch wenn Sandra Hüller in der Szene in der sie nicht in der Lage ist, dass an der Wand hängende Kreuz zu berühren und deshalb mit der Hand davor zurückbleibt irgendwie ein wenig lächerlich aussieht. Dass mag aber daran liegen, dass der Film sich halt komplett unmystisch gibt. Mir persönlich hat Karl Klingler (Hardenberg aus „Die fetten Jahre sind vorbei“) als Michaelas Vater sehr gut gefallen.
Was Requiem außerdem besonders sehenswert macht, ist seine Optik. Das Bild wirkt durch seine grobe Körnung 70er Jahre authentisch und auch Kostüme und Drehorte sorgen für eine Atmosphäre jenseits des heute beliebten 70er Kitsches. Alles ist eher bedrückend und trist gehalten und der stets graue Himmel vermittelt sorgt dafür, dass diese Totenmesse einen mit einer doch recht beklemmten Stimmung aus dem Kino gehen lässt, auch wenn die Schlussinformation irgendwie überflüssig erscheint.

Darsteller:

Sandra Hüller …. Michaela Klingler

Burghart Klaußner …. Karl Klingler

Imogen Kogge …. Marianne Klingler

Anna Blomeier …. Hanna Imhof

Friederike Adolph …. Helga Klingler

Nicholas Reinke …. Stefan Weiser

Walter Schmidinger …. Gerhard Landauer

Jens Harzer …. Martin Borchert

Irene Kugler …. Heimleiterin Krämer

Johann Adam Oest …. Professor Schneider

Eva Loebau …. Krankenschwester

Regie:

Hans-Christian Schmid

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